Teile von Mails, irgendwann auch Teile von Körpern.

[Hier liest keiner, außer du, und ich schreibe Tagebuch. Wie in den Mails sozusagen.]

Ehe ich die Mail hierein kopiere, will ich allen meinen Unmut kundtun, mit der Farbe rot signalisieren, dass ich wütend bin, weil Wut nicht nur eine Form des Ausdrucks ist, sondern auch ein Zeichen dafür, dass irgendetwas im Leben nicht stimmt.

Naja, J., wahrscheinlich ist es nicht in Ordnung, sein Leben ohne Freunde und Familie zu verbringen. Wahrscheinlich ist es nicht okay, nur die Realität zu sehen, Kind zu bleiben, tagtäglich jünger zu werden, plötzlich wieder auszusehen, als wäre man nur halb so alt und so weiter. Wahrscheinlich ist das alles nicht in Ordnung, J. Aber was ist schon okay. Ist es in Ordnung, sich aufzugeben, weil es Gott so will, die..die Mutter? Ich weiß ja nicht, ob das jetzt okay ist, aber ich finde nicht. Mitnichten ist es in Ordnung, vom Boot zu springen, weil irgendein wichtiger Mensch einen solchen Befehl ausgesprochen hat. Ich weiß nicht, ob es okay ist, gar nichts zu tun. Ich weiß aber auch nicht, ob es in Ordnung ist, plötzlich alles tun zu wollen, um den anderen in den Arsch zu treten. Aber ich vermute, das ist es.

Keine Ahnung, ob ich die Wahrheit sage, zu der Wahrheit stehen kann, die Wahrheit wiederholen würde, wenn es denn die Wahrheit ist. Im Grunde weiß ich nur, dass ich bald eine Ausbildung beginne und dass ich nicht weiß, was ich sonst tun soll und ob ich sonst überhaupt noch etwas tun soll, was davon abweicht, zu schlafen oder mir Fragen zu stellen. Was ist richtig?, meine ich. Ich habe viele Antworten auf viele Fragen, obschon es nur eine Antwort auf nur eine Frage gibt: "Wer macht die Geräusche um 2 Uhr nachts in der Küche?"

Tja.

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Schon wieder viel zu spät, um erst jetzt das Bett oder etwas Vergleichbares aufzusuchen. Heute war ein seltsamer Tag, obschon jeder Tag in gewissem Maße seltsam ist. Aber manchmal ist es, als habe man sich bereits vollständig verloren, als wäre man schon längst allem Irdischen entronnen. Ein trauriger Gedanke, eben ein herkömmliches Erwachen, als würde man beim Stehlen erwischt werden, als würde mit einem Mal die Polizei vor der Türe stehen und dich irgendeines Verbrechens bezichtigen, obgleich du unschuldig bist. Ungünstige Umstände, sozusagen, nur ein "Versehen", aber eben nicht ausschlaggebend für die Realität, weil du demungeachtet im Gefängnis sitzt, weil dir deine Freiheit wegen einer Sache geraubt wurde, mit der du gar nichts zu tun hast.
Nun, wie gesagt, fühlte sich heute so an, als wäre ich nochmal neu erwacht, als hätte ich irgendeine neue Erkenntnis dazugewonnen, was nichts Gutes heißt, weil alles Neue immerzu mit dem Alter kommt und weil ich nicht jünger werde und ohnehin schon furchtbar alt (alt alt) bin.
[...]

Aber wütend bin ich dennoch und wäre die Wut nicht, wäre, um ehrlich zu sein, gar nichts mehr. Dann würde ich vermutlich überhaupt nichts empfinden und mich nur noch auf etwas besinnen, das schon lange nicht mehr existiert. Auf Leben, schätze ich. Auf DAS.
[...]

Alles staut sich an, du merkst es selbst. Ich wollte so gerne so viel sagen (schon immer (immer immer), aber niemand hat mir je zugehört. Immerzu muss man (und das soll kein Vorwurf an die Menschen sein, lediglich eine Feststellung, etwas, das schon immer da war und immer da sein wird.) sich verstellen, immerzu muss man auf der Hut sein, versuchen, den richtigen Ton zu treffen. Das erfordert viel Anstrengung, höllisch viel. Das ist heute, damals war was anderes.

Wenn ich Bücher lese, dann weiß ich, dass ein Buch lediglich eine Vision ist und Visionen (mh, ich schrieb mal darüber) sind nicht existent, im Grunde genommen (nein, das wollte ich nicht sagen..), Visionen sind Vermittlungen zwischen dem, was man möchte und der Realität. Vermittlungen zwischen dem Es, dem Ich..und..dem..ehm..Über-Ich? Kein Plan, ich könnte es konkretisieren, könnte es begreiflich machen, aber ich will nicht. Ein gutes Buch schreibt sich nicht in ein paar Wochen, obschon man vielleicht glauben mag, dass das Buch schon längst vollendet ist, aber perfekt ist ein Buch nie, weil nie irgendetwas perfekt ist, nicht mal annähernd. Perfektionismus zeichnet sich durch seine Unvollendung aus.

Blablabla. Blaaaa. Hahiheho, jajaja.

Ach, keine Ahnung. Alles staut sich an und dann muss es raus, aber wenn man mal dabei ist, ist es auch schon wieder vorbei. Das Wort "hätte" ist übrigens schon lange tabu für mich, obwohl es mir schwer fällt. "Hätte" war kein Luxus mehr.

Am Schlimmsten (dennoch) ist dieses Nicht-Weiterkommen, Stagnation, weil man nicht weiß, wie man das Leben (nicht das von damals, ein neues eben) fortsetzen kann, ob man überhaupt dazu bereit ist, das zu tun. Kinderkrankenschwester, keine freien Gedanken, aber auch sonst nichts. Ich schätze, ich gehe mal ins Kloster. Oder gibt es einen anderen Ort, an dem Ruhe ein oberes Gebot darstellt? Kann man das überhaupt so sagen? Ich favorisiere nämlich die Ruhe, die Ausgeglichenheit, auch ich bin schrecklich unausgeglichen, kenne niemanden, der vergleichsweise...,...
Nun ja, die Ruhe, das Streben nach Glück, mit Ruhe meine ich "innere Ruhe", ich will etwas bewegen, akzeptiert werden, ohne mich krampfhaft anpassen und verändern zu müssen. Schätze, ich traf noch keine einzige Person, die mich so nehmen wollte wie ich wirklich war. Ich nahm alle Menschen so wie sie waren, bis zu einem gewissen Zeitpunkt jedenfalls. Irgendwann war ich dann so wütend, dass ich das nicht mehr konnte. Aber das wäre Vergangenheit. Dennoch, irgendwann wurde ich müde, aber auch das funktionierte nicht.
Lag oft in meinem Bett (heute natürlich genauso) und hatte das Gefühl, als hätte ich einen Stein im Nacken. Grübelte, mein Kopf drehte sich, meine Muskeln entspannten sich nicht, "Tja", machte ich, "Tja, scheiß drauf, was solls schon, ist doch alles Vision."
Oder auch nicht, kein Plan.

Lese auch langsam, furchtbar langsam. Vor allem eben in der Schule, wenn man manchmal nur einen Text vor sich liegen hatte, für zwei oder drei Personen. Dann tat ich immer so, als würde ich lesen, dabei wurde ich unruhig, weil ich die Situation nicht mochte. Stille, die andern lasen, man selbst betrog die anderen, weil man sich nicht auf den Text konzentrieren konnte. Aber auch zu Hause lese ich langsam, auch wegen der Konzentration. Oft denke ich mir: "Du betrügst dich doch nur, warum machst du das? Du magst dieses Buch nicht, weder dieses Buch, noch überhaupt irgendein Buch. In Wirklichkeit bist du manchmal nur in einer Hochphase und wünscht dir dann, selbst erfolgreich zu sein, weil du dich daran erinnerst, dass du mal was konntest und dass die Leute meinten, du wärst gut. Aber heute ist nichts mehr so wie es damals war. Du kannst wohl schreiben, mag sein, aber du tust nichts, und das größte Talent ist einen Scheißdreck wert, wenn du nicht endlich den Arsch hochkriegst. Warum denn sonst sind die dümmsten Arschlöcher, die verabscheuenswertesten Kreaturen berühmter und vermögender als (vielleicht) jemand, der zwar ordentlich was drauf hat, der aber einfach nichts tut, weil er..."

Weil er vor igendwas Angst hat, weil er unruhig ist und Angst hat, an die Öffentlichkeit zu gehen, den Leuten sein Gesicht zu zeigen, zu offenbaren, wie man ist, wenn man spricht und sitzt und so weiter. Aber ich habe Angst davor.

Oh shit, gerade juckt alles, kein Plan warum, kriege eben auf diese Weise was von der inneren Unruhe ab.

Kevin allein in NY gefällt mir wegen der ganzen Atmosphäre..einfach besser.

Und jetzt kann ich mich einfach nicht mehr konzentrieren, kann mich ohnehin nie konzentrieren, aber jetzt ist es wohl noch ein wenig schlimmer als sonst. Komme mir verarscht vor, von mir selbst. Sah einen Film, dachte mir nicht viel dabei, weil..., sah ein paar Minuten vom Boxkampf, dachte mir auch nichts, weil...
Es ist schon schlimm, man, schon wirklich schlimm, wenn man so sein muss, so ist, oder was auch immer. Am liebsten würde ich [..] nur noch einziges Mal durch meine Geburtsstadt laufen und kreischen, was das Zeug hält, einfach nur schreien, scheiß auf die Verluste und auf das Entsetzen. Ich wollte mich so gerne von all dem Druck lösen, wenn du verstehst, von allem, mich endlich von meiner Mutter, von meiner Oma, von meinem "Vater", losreißen, kreischen und schreien, schreien und kreischen, die Leute direkt dabei ansehen, die Leute beeinflussen, indem ich schreie und kreische, kreische und schreie. Die Leute sollen mich nie wieder so sehen, wie sie mich gesehen haben. Die Leute sollen von mir aus denken, ich wäre verrückt, aber sie sollen mich nicht mehr länger angrinsen, obwohl sie es nicht so meinen, nicht mehr nett sein und all das. Ich kann, uahhh, gar nicht sagen, wie sehr mich das langweilt, das ist so ein Gefühl, ha-ha, das einen echt umhauen kann, dann geht man k.o., noch heftiger als Ruslan und jeder andere, der sich mal mit Wladimir angelegt hat. Das ist doch alles lachhaft, will man dann sagen, lachhaft, weil es nicht echt ist und weil dein eigenes Land verlogen ist, weil du immerzu denken wolltest, dass du tatsächlich gute Freunde gefunden hast, dabei waren deine Freunde nicht gut, sondern nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Ich will dir das eigentlich gar nicht sagen, mitteilen und so weiter, aber ehrlich gesagt kann ich gerade nicht anders. Ich muss es einfach tun. Weil niemand zusieht, ja, genau.
Ich kann nur sagen, ich bin schwer getroffen von der Welt. Nicht, weil ich erst jetzt gerade erwacht bin, sondern, weil es nicht immer raus kann. Damit meine ich: die Betroffenheit. Die kann nicht immer raus. Ja, so meinte ich das.
Wow, autsch, aua und so weiter. Ich muss was tun, sonst wird es auch nicht besser. Schlimmer schon eher.
Allen sollte man was sagen können, niemanden auslassen, verstehst du, allen was sagen, nicht damit aufhören, laufen wie Forrest, schreien wie die Blechtrommel, kreischen wie Arthur, saufen wie Amy, Faustschläge wie Wladimir, von allem das Extrem.
Das ist doch das, was man tun sollte. Alles andere ist doch SCHEIßE.
Aber ich darf doch nichts sagen, sonst werde ich gekündigt, sonst krieg ich kein Eis mehr, sonst muss ich den Fluss runter und rauf, sonst geh ich baden, sonst kommt kein Zug mehr, sonst lieg ich auf dem Rücken wie ne Schildkröte, dies nicht mit Absicht gemacht hat.

Aber stell dir vor, der Rücken schmerzt mir, wie sooft, also muss ich die Mail abschicken und mich damit abfinden, dass ich mal wieder reagieren musste, weil reagieren mit regieren verwandt ist und weil man, wenn man schon nicht regieren kann (rex ist gleich König), wenigstens reagieren sollte.

Und wichtig ist verwandt mit Wicht.

Nicht gegengelesen.

 

Byebye

19.3.10 17:49

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